Beißzeiten

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Meine eigenen Beißzeiten kann ich recht sicher, unabhängig von der Jahreszeit in Frühstück, Mittagessen, Kaffeeklatsch und Abendbrot einteilen. Je nach Aktivität kommt auch schon Mal ein, wie es die Engländer nennen "nocturnal feeding" dazu, zum Leidwesen meiner Figur. Wenn man nun annimmt, daß sich der Rest der Bevölkerung an die selben Beißzeiten hält, könnten die Zeiten von 7:00 bis 9:00, Mittags oder Abends um 20:00 sehr erfolgreich sein. Dagegen sind Opportunisten wie Helmut Kohl sicherlich zu jedem gegeben Zeitpunkt für ein oppulentes Mal zu haben. Leider liegen die Dinge beim Hecht ein bißchen anders und eine genaue Analyse von Beißzeiten entscheidet oft über Erfolg oder Mißerfolg beim Angeln.

Für eine relativ präzise Vorhersage von Beißzeiten sind meines Erachtens zwei Dinge wichtig, zum Ersten eine Aufzeichnung oder ein Eintrag in einem Fangbuch und Zweitens genug Fische um einer Statistik gerecht zu werden. Nun weiß jeder, daß nur selbst gefälschten Statistiken zu trauen ist und deshalb sollten die Aufzeichnungen im Fangbuch möglichst detailliert sein und auf alle Fälle auch die Wettereinflüße aufweisen. Erst im Laufe der Jahre wird sich ein klares Bild der Fänge zeichnen, aber eines steht fest, die Mühe lohnt sich.

Befischt man verschiedene Gewässer legt man am Besten für jedes Gewässer ein Fangbuch an, denn kein Fisch verhält sich in allen Gewässern gleich. Hier kann ich ein schönes Bespiel anführen. An meinem Hausgewässer habe ich im Dezember einige Urlaubstage auf Hecht angesessen. Es waren klare, kalte Tage, die durch die Hochdrucklage von Bodenfrost geprägt waren und man bekam kaum einen Rutenhalter in die Erde. Verständlich, daß man bei solch einem Wetter lieber noch ein bißchen im kuscheligem Bett bleibt und sich auf die "Mittagsbeißzeit" beruft, die ja oft in der Literatur erwähnt wird.
Ich hätte wahrscheinlich genau so gehandelt, wenn ich nicht gewußt hätte, daß gerade die Morgenstunden an diesem See den meisten Erfolg versprechen. Also war ich kurz vor Sonnenaufgang am Wasser und baute vielversprechend meine Geräte auf. Es war wirklich saukalt und trotz des dick isolierten Overalls schlich die Kälte in den Rücken, ganz abgesehen von den Frostfüßen und ich bereute schon, daß ich aufgestanden bin.

Totenstill, mit einigen leichten Nebelbänken bedeckt lag der See vor mir. Die tiefrote Wintersonne schob sich langsam an den Horizont und ein leichter Wind kam auf. Nur das Wasser schien kein Leben zu besitzen und so verging einige Zeit ohne Anzeichen von raubenden Fischen. Ich war schon daran aufzugeben, aber ich hatte nur den Vormittag zur Verfügung und wollte das Beste daraus machen. Vielleicht hätte ein Ortswechsel schnelleren Erfolg gebracht, aber ich wußte, daß Hechte hier vorbeikommen und die Kälte tat ein übriges um mich an diese Stelle zu binden.
Gegen halb zehn bekam ich den erhofften Biß und ich freute mich wie ein Schneekönig über den Fisch, der trotz des kalten Wassers einen überzeugenden Fight lieferte. Der Hecht kam sofort ins Wasser zurück um eventuellen Frostbeulen vorzubeugen. Nach ca. 10 min. bekam ich auf der anderen Rute den nächsten Biß, den ich diesmal verschlug was meiner Euphorie einen Dämpfer verpaßte. Ab 10 Uhr war nichts mehr zu machen, obwohl mich die inzwischen wärmende Sonne zu einem Ortswechsel verführt hatte. Am nächsten Tag war ich natürlich wieder vor Sonnenaufgang an Ort und Stelle um mich dem gleichen Leidensweg wie am Vortage zu unterziehen. Prompt halb zehn kam der Biß auf der Paternosterrute, aber der Hecht ließ wieder los, wahrscheinlich war der Rutenclip zu fest eingestellt oder angefroren. Dann tat sich zu meiner Verbitterung nichts mehr. Geprägt durch diese Erlebnisse und die anhaltende, sibirische Kälte beschloß ich meine Angelzeit auf das Beißverhalten der Hechte abzustimmen und nur noch von 9 Uhr bis 10:30 zu angeln. Natürlich muß man dann gut präpariert sein und die Ruten schon vorab montiert haben um nicht in Streß zu geraten. Denn wenn die Beißzeit beginnt geht müssen die Köder im Wasser sein, sonst nützen uns alle gewonnenen Erkenntnisse nichts.

Natürlich werden sich die Beißzeiten des Hechtes je nach Jahreszeit verschieben, was auf die verschiedenen Faktoren wie Wassertemperatur, Lichteinfall, Bewegung der Beutefische und Stoffwechsel zurückzuführen ist. In der warmen Jahreszeit lassen sich dann auch am Abend gute Hechtfänge tätigen, da der zunehmende Nahrungsbedarf und der verstärkte Stoffwechsel die Perioden der Nahrungsaufnahme verkürzt. An manchen Gewässern kann die Abendbeißzeit bis in die Dunkelheit hinein reichen, obwohl ich im Sommer noch nie einen Hecht in der Dunkelheit gefangen habe. Im Herbst und im Frühjahr dagegen ist die hereinbrechende Dämmerung oft sehr erfolgreich gewesen, besonders für Kapitale. Anhand der Graphik, die für ein bestimmtes Gewässer für den Monat Mai und den Dezember erstellt wurde, erkennt man sofort die günstigen Beißzeiten. Leider ergeben sich diese Erkenntnisse erst nach ein paar Jahren intensiven Angelns, denn wer fängt schon soviel Hechte in einem Jahr, um eine schlüssige Statistik zu bekommen?

- Einladungen sehe ich freudig entgegen!

Das verschiedene Gewässer verschiedene Beißzeiten hervorbringen habe ich ja schon erwähnt, aber dies ist so signifikant, daß es sich lohnen kann, den frühen Morgen an dem einen Gewässer zu angeln und (falls möglich) später zu einem anderen Gewässer mit späterer Beißzeit zu wechseln. So kann man die Chancen auf Hechtbisse voll ausschöpfen und mit jedem gefangenen Fisch steigt die Wahrscheinlichkeit auf einen Großhecht.

Ein anderes Beispiel zum Thema Beißzeiten bezieht sich auf relativ große Gewässer > 1000 Ha auf den britischen Inseln und in Irland. Beide Gewässertypen erwärmen sich im Frühjahr relativ gleichmäßig, obwohl das Klima in Schottland etwas rauer ist. Es zeigen sich bei dem irischen Gewässer ausgeprägtere Beißzeiten um Mittag ( hoher Sonnenstand! ) und am frühen Abend. Wahrscheinlich rauben die Hechte in dem trüberen, leicht orangefarbenen Moorwasser erfolgreicher im am Tage. Die Abendbeißzeit läßt sich nicht so leicht erklären, aber die höhere Mobilität der Beutefische und der Abendsprung der Forellen können ein Grund dafür sein.
Im Gegenzug hat das klare, verkrautete schottische "Loch" eine Hauptbeißzeit am frühen Morgen und am späten Abend. Die hohe Sichtigkeit des Wassers verschiebt hier die Beißzeiten zu den Stunden, wo das Büchsenlicht vorherrscht und die Hechte auf Beutefang gehen.

Ich denke, daß Ihr auch Eure Erfahrungen zum Thema Beißzeiten gemacht habt und vielleicht den auf einen oder anderen Leserbrief zu diesen Bericht schreibt; die ANDVARI Redaktion und ich sind Euch die dankbar.

Chris Schütter